Kunstprojekt Tango

29. Mai 2008 - Cafe BASICO, Siegen

Siegener Zeitung

Plakat

Beitrag der Siegener Zeitung Plakat des Kunstprojektes

Einführungsrede

Ich hatte das Glück, in den meisten Fällen einer der ersten zu sein, dem Marie-Luise Raczkowski die jeweils neuen Bilder dieser Tango-Serie zeigte. Und so schnell wie hier war ich noch bei keinem Bild je so Feuer und Flamme: Praktisch ein Blick, und ich war überwältigt von der Wucht und der schwer zu beschreibenden Schönheit, die mir da entgegen sprang. Ich will dennoch versuchen meine subjektiven Eindrücke zu schildern:

Die extrem energetische Wirkungskraft der trotz der Verwendung von nur zwei Farben und äußerst sparsamen Flächennutzung könnte man als expressiven Minimalismus bezeichnen. Aber diese Bilder sind dennoch mehr als nur Signale, denn Marie-Luise Raczkowskis Malerei entspringt offensichtlich mehr ihrem Unbewussten als konstruierender Kopfarbeit. Und ihr technisches Können ermöglicht ihr, Bildern Gefühl mitzugeben, die so wenig erklärlich sind wie etwa bei der Musik. Weder sie noch der Betrachter folgt dem modernen Verlangen nach seitenweiser Anleitung. Ihre Bilder wirken unmittelbar und ganz ohne Theorie, obwohl ich mir hier zu widersprechen scheine, indem ich nun – aber gewissermaßen nachträglich – doch eine Theorie wage. Aber es handelt sich mehr um eine Wirkungs-Theorie, um die Perzeption des Gemalten, weniger um eine Einordnung in formale Schubladen.

Nun soll das aber nicht heißen, Frau Raczkowski sei ein zufälliges Naturtalent, denn sie hat sehr wohl ihre Lehrzeiten bei renommierten Lehrern in Farbe, Form und Technik absolviert. Vielleicht ist es auch gut so, dass sie als etwas später Berufene, mit ihrer persönlichen Reife und Selbsterkenntnis an die Vermittelbarkeit von innerem Empfinden glaubt. Und das ist so wohltuend in unserer Zeit des schnellen Massenerfolges und kultigen Mittelmaßes, der Überdemokratisierung der Kunstbegriffe und Vermarktungsansprüche frühreifer Ideen, deren Ausführung nur allzu oft hinter hehren Zielsetzungen zurückbleibt.

Hier ist eine Malerin, die ihre wunderbar vitalen Kürzel mit schweren Pinseln in die Flächen schleudert und mit Kohlestiften zärtlich verästelt mit dem Raum, so dass sich Beziehungen ergeben, an die man glaubt, ohne sie erklären zu können, so, als wollte sie sagen: „Die Form bestimmt das Sein.“ Die Körper beginnen zu schwingen, um einander zu kreisen, sich dabei öffnend und berührend, als ob die Welt eine einzige Tanzfläche wäre. So ergreift der gemalte Rhythmus vom Betrachter selbst Besitz. Das unausgesprochene Vertrauen der Malerei an ein Gleichgewicht dieser Welt, in der nichts verloren geht, egal in welche Formen sich das Sichtbare auch verwandelt, wird auch spürbar im Erleben des Anderen, das eher durch sein Tun zu erahnen ist, als durch sein Aussehen.

Da rasen Kreise wie Sägen durch leere Räume oder tiefschwarze Teilflächen, wobei luftige Strichfasern Richtung und Tempo beschwören, bis schwarze Balken die roten Lavaausbrüche blockieren, Haltezeichen und Blüten zugleich. Und all das geschieht in beglückender Freiheit einer Quasi-Musikalität. Und dennoch geht es nicht nur um die Ästhetik besonders des leuchtenden Rots; auch die Symbolkraft der Farben wird zur Aussage genutzt: Die Summe allen Lichtes, Weiß, wird kontrastiert mit der Abwesenheit von Licht, dem Schwarz. In dieser Dichotomie tobt, rollt, schreit und sticht das Rot ins Auge: alarmierend wie eine Signalkelle, drohend und wütend, als ob das - blutrote - Leben nur noch Rot sähe. Leben extrem. Das Rot also steht im Mittelpunkt. Und es ist schon durch seine vielfache Ambivalenz eigentlich eine dialektische Farbe, die das ganze Leben umfasst: Liebe steht gegen Bordell, Einladung gegen Warnung, Verlockung vs. Zensur, Rettungsring gegen Rotes Telefon, Rotes Kreuz und Revolution. Rot ist angeblich die erste Farbe, die ein Neugeborener erkennt und die letzte, die der Sterbende wahrnimmt.
Dies alles braucht der Betrachter nicht zu wissen; sein Auge registriert lustvoll die Kontraste ohne verstehen zu müssen, warum er sich so freut über das bewegte Kampfspiel von Farbe, Form und Dynamik. Sein Unterbewusstsein schwingt sich über diese abstrakte Kommunikation ein in das der Urheberin. Welch ein Geschenk!

Aber wenn wir sie fragen, verrät sie uns, dass die „Energetics“ der Bilder durchaus auch Ausdruck verschiedener Malphasen sind, die sie, mit sie selber befreiendem Mut, immer wieder zu neuer Gelassenheit und Kreativität führt, das So-Sein eher wie eine Antwort als eine Frage darstellend.

Nun kann endlich auch die Frage nach dem Titel der Vernissage gefragt werden: Warum also Tango?
Klar: Schwarz und Rot sind doch auch die Farben, die man beim Tango assoziiert, zu mindest bei dem spanischen Tango, einer Unterform des Flamencos. Aber Tango steht wie der Flamenco auch historisch für wenigstens emotionales Aufbegehren gegen Unrecht und Armut. Er ist die Sehnsucht nach Leben und zugleich die mit südländischer Verve vorgebrachte Darstellung des damit verbundenen Schmerzes. Und ohne diese Verbindung je gesucht zu haben, hießen die ersten Versuche dieser Serie tatsächlich auch „Schmerzpunkte“. Und wie beim glühenden Tango sich Schönheit und Ernst, Leichtigkeit und Ekstase eindrucksvoll abwechseln, oszillieren Frau Raczkowskis Bilder zwischen Schwung und Statik, Schwer und Leicht, Schwarz und Rot, wobei alles das lichte Weiß – ich möchte beinahe sagen gnädig – zusammenhält; ein Beweis dafür, dass der Schmerz auch Antriebskraft ist, so wie Goethe seinen Mephistopheles sagen lässt:

Ich bin die Kraft,
die stets das Böse will
und doch das Gute schafft.

Marie-Luise Raczkowski – so gesehen – wäre dann mit ihrem Rot die faustische Antagonistin, die spielerisch nach Standortung sucht auf dem – fast – unbegrenzten Parkett des Daseins.

Man könnte durch einen Vergleich mit den verschiedenen Elementen des Tangos diese Leinwände tatsächlich gewissermaßen „tänzerisch“ zuordnen: Der Tango lebt ja von der Improvisation von mehr oder weniger festen Formen, die sich nach musikalischen Regeln zu einem kontinuierlichen Tanzfluss zusammenfügen. Das entspräche Raczkowskis Variationen über ihre gewählten Malelemente: Rot – schwarz, rund – eckig, flächig – gestrichelt, anziehend – abstoßend usw. Dem „Tanzfluss“ entspräche die Serialität, die sich motivisch noch in Untergruppen einteilen lässt; z.B. dem Tanzelement „Caminar“, das plötzliche Stopps und elegante Drehungen meint, entsprächen dabei etwa die rotierenden Kreise in Nachbarschaft von festen Begrenzungen. Wenn sich Schwarz und Rot verhaken und überschneiden, können wir „Crusadas“ assoziieren, das Überkreuzen der Beine. „Boleos“ bedeuten Beinhaken in der Luft und mit “Gauchos“ bezeichnet man Beinhaken am Partner zur schnellen Richtungsänderung. Lösen sich die Körper vorübergehend, spricht man von „Soltadas“ und wenn die Achsen der Tänzer sich zu einem ‚V’ vorbeugen, nennt man das eine “Colgada“, die zugleich inniger Kontakt und distanzierte Stützung des Partners ist. Schauen Sie, wie diese Elemente alle in den Bildern auftauchen, als ob die Objekte formvollendet tanzen wollten. Aus fein abgestimmten Bildausschnitten ließe sich also ein Film zusammensetzen, der der Musik von einer Gruppe wie der „tango a mano“, die hier heute auch lobenswerter Weise zu begrüßen ist, zu einer Tango-Animation werden könnte.

Damit wäre ich auch schon bei der Musik angelangt. Die Gruppe "besteht" seit über einem Jahr und wie ihr Name schon sagt auf „handgemachten Tango“, mit dem sie schon sehr erfolgreich ganze Abende füllt. Dieses quinteto tango argentino setzt sich zusammen aus acc (Walter Siefert), pn (Jutta Thoma), vl (Hartmut Veit), vl (Sao Wen Cheng), db (Nora Weinbrenner). Sie werden uns in ihrer Besetzung quer durch die Klangwelt der historischen "Orchestras Tipicas" führen. Das sind 3-minütige Minigeschichten über das Leben, die Liebe, Sehnsüchte und – das Scheitern. Was ich oben zum Gesamtkonzept der Malegesagt habe, trifft natürlich ganz besonders auch auf die Tangomusik zu: Hartes Stakkato kontrastiert weiche schnelle Läufe stoppen in langen Einzeltönen oder abrupten Stopps, nostalgisches Akkordeon begleitet erst die Geigen, um sie dann schwungvoll abzulösen, wobei Bass und Klavier den Rhythmus hämmern oder sanft auffangen, ganz wie die Tänzerin nach mutig und anmutig ausgreifenden Schritten von einem starken Arm aufgefangen wird. Tango a mano gehört, wie Sie wissen, schon zur Szene und wird ein weiteres Mal im Café Basico am Freitag, dem 6. Juni 2008, 20.00 Uhr, Live zur Milonga (freies Tango-Tanzen) zu hören sein.

Damit bleibt nur noch – last but not least – der Familie Vetter und dem Café Basico unseren Dank aussprechen für die artgerechte Beherbergung. Aber nicht nur das; die beiden Profis werden für uns auch noch tanzen. Und wir sind geehrt und dankbar, denn was wäre eine konzertierte Kunstaktion zum Thema Tango ohne Tanz und noch dazu in dieser Qualität?
Lassen Sie mich zum Ende kommen mit zwei Zitaten:


Enrique Santos Discépolo stellt für uns hier heute Abend tröstend und quasi zusammenfassend fest, dass der Tango ein trauriger Gedanke sei, den man tanzen könne. Und da Tango ja auch zugleich lustvoll ist, ende ich mit George Bernard Shaws frivoler Anmerkung: „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“