Künstlerkollektiv

 

Tango - Wegekreuze

Wegekreuz

Verliebte Lebenswege kreuzen sich,

beide verletzt verletzend,

von vergangener Entsagung,

vielleicht gebrochen,

zerfasert an den abrupten Enden,

aber heil an den Berührungspunkten,

Jetzt, wo Bewegung

sich auf neuen Wegen rührt,

Linien übersprungen

und eckige Kreise getanzt werden,

da, wo der sichere Weg noch versiegt,

versagt die Begrenztheit.

Und verschwenderisch

trotz belebende Befreiung

allem Risiko der Frage

"Was kommt danach?"

So verläuft sich manches.

Auch Möglichkeiten vergehen

gelegentlich ganz ungenutzt,

wie leichte Lebenslinien

einer sanften Hand.

   

Malerei: Marie-Luise Raczkowski
Text: Heinrich Waegner

Marie-Luise Raczkowskis Werke sind nicht für den Bilder-Touristen, der viel sieht ohne etwas zu erblicken. So wie die Malerin auf Motivsuche für ihre haptisch-emotionalen Schnappschüsse nach innen schaut, geht der stille Betrachter Spuren der sparsamen und doch so gewichtig auf weiße Fläche gesetzten Farben und Formen nach, die alle für sich durch ihre überschäumende Kraft zum sinnhaften Enträtseln verführen. Raczkowski will nicht Geheimnisse lüften, sondern sie erschafft neue, die immer auch große meditative Anspannung erahnen lassen. Der „Nutzer“ dieser leidenschaftlich „komprimierten Dateien“ muss sich aktiv bemühen aus jedem dynamischen Signifikanten das Signifikat zu „entpacken“. Ein Weg, der uns aus einem Lebensraum in immer größere Räume führt, sobald wir bereit sind uns wieder zu wundern.

Heinrich Waegners subjektive „Ergebnisse“ sind dabei nur beispielhafte Ansätze ohne Anspruch auf Endgültigkeit, also eher Fragen als Antworten. Sie gehen bei diesen völlig abstrakten Kompositionen unbefangen von einer frei assoziierten Gegenständlichkeit aus. Und wie eine Wortphotographie „fallen“ seine Texte über die Bilder „her“, mit dem Ziel über die rein ästhetischen Gesetzmäßigkeiten nicht nur neue Sehgewohnheiten zu eröffnen, sondern um die Welt auch wirklich neu zu begreifen.

Ist Raczkowskis Vorgehen ein Weg von innen nach außen, versuchen Waegners Interpretationen von außen wieder nach einem Innen zu gelangen, so dass aus solchem „Dialog“ beispielhaft ein Kunstereignis möglich wird.